„So ein Gerupf wolln wir hier nicht!“ Von einer sterbenden Friedhofskultur und den Möglichkeiten für die Zukunft

 

 

Ich stehe mal wieder fassungslos vor dem Müllcontainer am Seetorfriedhof in Rinteln und kann es nicht fassen, da liegen Sommerblumen, vollkommen intakt, der einzige Markel: einige ihrer Blüten sind verblüht!

Wenige Tage vorher haben sie noch im Laden gestanden, Voll erblühte Schönheiten monatelang gepäppelt im Gewächshaus, nur für diesen einen Moment in dem sie verführerisch signalisieren: nimm mich mit, ich bin jeden Cent wert!

Einige von ihnen sind winterharte Stauden, Polsternelken sind gerade im Trend, andere sind sogenannte Sommerblüher, meist exotische Schönheiten, die von Mai bis Oktober ihren unwiderstehlichen Blütencharme spielen lassen.

Und nun am 31. Mai, ein, vielleicht zwei Wochen nach dem Kauf, liegen sie hier im Kompostmüll, vereint mit Veilchen, Primeln, und anderen Frühblühern, die jetzt ebenfalls Platz machen müssen für etwas Schöneres, etwas Neues.

Ich setze meinen Spaziergang über den Friedhof fort. Ich habe das schon als Kind geliebt, diese eigenartige Stimmung auf Friedhöfen.

Damals mit meinem Opa in Hildesheim. Diese Mischung aus antiken Grabmalen, teils sehr berührenden, imposanten, weißen Bauten, mit großen Statuen davor, und den liebevoll gepflegten  Blumenbeeten. Überall lag dieser Duft nach Kiefern und Blüten, die Vögel tirilierten und alle Menschen grüßten sich freundlich, auch wenn sie sich nicht kannten.

Das hat mich geprägt. Dann später die Mütter von Freundinnen, die verzweifelt feststellten, dass sie ja auch noch zum Friedhof fahren müssen, um Blumen zu gießen, oder Unkraut zu jäten. Und die Einstellung meiner Eltern, die Friedhöfe, zumindest für sie selbst, für überflüssig hielten. Einfach die Asche irgendwo verstreuen, wir sind doch sowieso alle nur Sternenstaub. Wichtig ist das hier und jetzt und die Erinnerung an eine Person im Herzen.

Ja, so sehe ich das auch, die Erinnerung an eine geliebte Person hat man im Herzen. Man kann sie immer bei sich haben.

Die Gedanken sind frei!

Man muss nicht auf den Friedhof gehen, um zu zeigen, dass man einen Menschen geliebt hat. Wie wichtig man ihn fand wird sich Außenstehenden nie erschließen.

Und trotzdem.

Da ist etwas in diesem Totenkult der Menschen, was wichtig ist. Egal ob es die Mumien in den Pyramiden sind oder aufeinandergestapelte Steine auf einer Grabstelle, es macht etwas in uns!

Und das gilt es neu zu denken.

Mir gefällt die Idee, die  in Hannover immer mehr Anhänger findet, statt Kränze auf das Grab zu legen, an den Straßenrändern Zwiebelblumen zu pflanzen. Ein bunter Blumengruß, der sagt, dass die Toten irgendwie noch bei uns sind und sei es nur in der Erinnerung.

Das sie wieder Bestandteil der Natur sind, aus der wir alle kommen und in die wir auch alle wieder gehen.

Dann die Fried- oder Ruhewälder, das pressen von Diamanten und und und. Individuell betrachtet ergeben viele Dinge einen Sinn.

Aber die derzeitige Diskussion, die Friedhöfe abzuschaffen, finde ich schade.

Wenn ich zum Beispiel in Deckbergen, meinem derzeitigen Wohnort, über den kleinen Friedhof gehe, sagen mir die meisten Namen auf den Grabstellen wenig. Und doch ist der ein oder andere Name dabei, der mich sehr berührt.

Und diesen Menschen möchte ich danken, aber nicht mit sinnlosem Wechselflor. Es sollte etwas Besonderes sein. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man die Bepflanzung auf einen besonderen Höhepunkt des Toten ausrichtet, auf den Geburtstag, auf ein besonderes Ereignis, das ihn oder Sie mit Deckbergen oder mit Verwandten, oder Freunden verbunden hat. Dann sollte sein Grab von weitem erkennbar sein. Dann sollten Blüten über dem Grab tanzen, für alle Menschen die den Friedhof besuchen.

Denn einen Besuch ist jeder Friedhof wert, auch so ein kleiner wie hier in Deckbergen. Mich als Naturliebhaberin zieht er magisch an, weil sich jedes Jahr im Winter so viele Hornveilchen auf den Schotterflächen und in den Gehwegritzen ansiedeln. Und im Juni erscheinen bodendeckende Sommerblumen wie Husarenknöpfchen und Männertreu. Nirgends in Deckbergen gibt es so eine vielfältige und buntleuchtende Insektentankstelle wie auf diesem Friedhof.

Leider fällt alles was von selbst dort blühen möchte, irgendwann den pflegenden Händen zum Opfer.

Im Falle von meterhohen Diesteln und Königskerzen kann ich das an bestimmten Stellen natürlich nachvollziehen, aber warum muss man immer eine Einheitslösung finden? Muss überall Raseneinheitsgrün und gepflasterte Flächen dominieren?

Bei einem Vorortgespräch mit dem Kirchenvorstand sagte eine Dame: „So ein Gerupf wolln wir hier nicht!“

Immerhin ließ der Kirchenvorstand zu, dass wir das seit einem Jahr verwahrloste Beet neben der Kapelle mit so einem „Gerupf“ bepflanzen durften. Nach einer Ankündigung der Idee beim Gemeindenachmittag und in der Zeitung fanden sich auch einige Helfer. Gemeinsam retteten wir Blütenpflanzen aus dem benachbarten Komposthaufen.

Nun ist dieses Beet ein weiteres Highlight auf meiner Deckberger Spaziergangsrunde, die ich ab und zu drehe. Verblühte Blüten abzupfen und bei Trockenheit gießen, gestorbene Pflanzen durch neue Schönheiten vom Kompostmüll ergänzen. Das ist nun eine neue, befriedigende Aufgabe, die ich gerne erledige.

Ein paar DeckbergerInnen habe ich schon angesteckt. Vielleicht ist das ja der Beginn von einer neuen Friedhofskultur?

 

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Stiefmütterchen und Veilchensämlinge zwischen den Grabstellen auf dem Friedhof in Deckbergen

 

 

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Diese Pflanzen und Pflanzschale fand ich in unterschiedlichen Abfallbehältern am Friedhof in Rinteln. Mit viel Energie erzeugt und nach wenigen Tagen weggeworfen, nur weil sie mal kurz die Köpfe hängen lassen oder Verblühtes herausgeschnitten werden muss.

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